28.05.
Di 18:00
Museum Ludwig, Kinosaal
KunstBewusst, Vortrag

Abstraktion & Antisemitismus. Vortrag anlässlich der Neupräsentation der Sammlung für Gegenwartskunst

Prof. Dr. Stephan Grigat

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Um was geht’s?

Unsere Gesellschaft ist von Abstraktionsprozessen durchzogen, sagt der Sozialphilosoph Alfred Sohn-Rethel. So bestimmt die abstrakte, messbare Zeit die Arbeit und den Tausch der Waren. Von ihr leitet sich auch der Wert der Zeit ab. Sohn-Rethel hebt hervor, dass es damit nicht Personen sind, die diese Abstraktion erzeugen, sondern ihre Handlungen untereinander. In der Neupräsentation der Sammlung Gegenwartskunst im Untergeschoss des Museum Ludwig bilden diese Überlegungen den Rahmen. Die ausgestellte Kunst nimmt Fragen gesellschaftlicher Abstraktionsprozesse auf, ohne sie abzubilden oder auf eine eindeutige Botschaft zu zielen. Der Vortrag von Stephan Grigat weist auf die häufig übersehene Verbindung von Abstraktion und Antisemitismus hin und stellt ihren theoretischen und historischen Zusammenhang vor:

Die Entstehung der modernen Gesellschaft ist von der Ablösung personaler Herrschaft durch abstrakte Verhältnisse geprägt, die dem Einzelnen als ebenso feindlich wie undurchschaubar entgegentreten. Eine wahnhaft-projektive Reaktion auf subjektlose Herrschaft, auf Vermittlung und Abstraktion ist der moderne Antisemitismus. In ihm wird der Versuch unternommen, das Abstrakte in einer wahnhaft-projektiven Reaktion auf die Moderne zu konkretisieren und in den Juden zu biologisieren. Der Hass auf das Abstrakte radikalisiert sich im Nationalsozialismus zum Vernichtungsfeldzug gegen die europäischen Juden. Der Nationalsozialismus nahm neben den Juden auch den Zionismus ins Visier: als einen künstlichen Nationalismus, der nur als Agent abstrakter und zersetzender Kräfte agieren könne. Vor diesem Hintergrund soll diskutiert werden, wie der Zionismus vor dem Hintergrund von Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen zu verstehen ist, um abschließend die Frage zu stellen, was der von Adorno in Reaktion auf den Nationalsozialismus formulierte neue kategorische Imperativ in der gegenwärtigen Konstellation und angesichts der aktuellen Bedrohung des jüdischen Staates bedeutet.

Wer ist unser Gast?

Stephan Grigat ist Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule NRW und Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) in Aachen. Er ist Research Fellow an der Universität Haifa und am London Center for the Study of Contemporary Antisemitism, Autor von „Fetisch & Freiheit: Über die Rezeption „Die Einsamkeit Israels: Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung“ (Konkret 2014), Herausgeber von „Kritik des Antisemitismus in der Gegenwart“ (Nomos 2023) und Mitherausgeber von „Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-)Deutungen des Holocaust und der Historikerstreit 2.0“ (Verbrecher 2023).

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Bildcredits

Boaz Kaizman, Hannah Arendt – die Reise nach Jerusalem, 2018, Video, Farbe, Ton, Spieldauer: 21:00 min., © Boaz Kaizman, Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv, Köln// Porträtfoto: Prof. Dr. Stephan Grigat, privat