Frauen in der Kunst

Louise Bourgoise und das Symbol der Mutter

Ihre Interpretation verschiedener Spinnengestalten hat Louise Bourgeois 1995 in einem Portfolio von neun Radierungen zusammengefasst, dem sie den Titel Ode à ma Mère gab. In einem Text dazu hat sie ihre Mutter direkt mit einer Spinne verglichen, wobei sie die positiven Eigenschaften des Tieres betont: »Meine beste Freundin war meine Mutter, sie war besonnen, klug, geduldig, beruhigend, vernünftig, wählerisch, raffiniert, unentbehrlich, ordentlich und nützlich – wie eine araignée (französisch für »Spinne«).« Sie hat immer wieder darauf hingewiesen, dass die Bilder der Spinnen für sie eine Hommage an ihre Mutter seien und für Mutterschaft an sich stünden: »Die wichtigste Person in meinem Leben war meine Mutter. Meine Spinnen sind eine Ode an sie. Ich habe die Verantwortung, für meine Söhne zu sorgen. Wenn wir also über die Mutter sprechen, dann oszillieren wir zeitlich vor- und rückwärts. Ich vermisse meine Mutter. Ich bin eine Mutter. Ich suche nach einer Mutter.«

Die 1911 in Paris geboren Louise Bourgoise stammte aus einer Familie von Teppichrestauratoren. Das Thema des Webens und Knüpfend, das Gewebe immer im Blick und buchstäblich alle Fäden in der Hand halten und zur Not Fehlstellen neu zu knüpfen, war also etwas was sie von frühester Kindheit beobachten und vor allem von ihrer Mutter lernen konnte. Das Prüfen des Netztes mit Argusaugen, das flinke Flicken der Löcher und unablässig neue Verknüpfungen mit geschickten Bewegungen herstellen, das ist etwas was scheinbar den Teppichrestaurator mit einem von vielen jungen Mädchen verhassten Insekt verbindet, der Spinne. Eine Spinnenphobie scheint die Künstlerin wahrlich nicht gehabt zu haben, denn wie sonst hätte sie die Spinne zum Gegenstand ihrer monumentalsten und berühmtesten Kunstwerke gewählt?

Viele Besucher des Guggenheim Museums Bilbao packt eine Faszination und zugleich ein Schaudern, wenn sie sich zum ersten Mal dieser riesigen glänzenden Gestalt Maman mit ihren schier endlos langen bronzenen Beinen und dem kristallinen Inhalt ihres vergleichsweise kleinen Körpers entdecken. Unter ihrem Körper trägt sie in einem aus Draht gefertigten Behältnis Eier, aus Marmor gemeißelt. Beinahe Ekel macht sich breit, wenn da nicht auch so etwas wie eine magische Anziehung von dieser zugleich monströsen wie betörend schönen Skulptur ausginge – und das neben einem auf Hochglanz, nach bester Frank O. Gehry-Manier polierten Museumsbau – welch ein Kontrast!Maman ist eine sehr komplexe Skulptur, die nicht nur die große Neugier Louises für die achtbeinigen Krabbeltiere widerspiegelt, sondern in ihren Augen Wächtertiere darstellen die ihr Netz und ihre Nachkommenschaft ständig beschützen. Das familiäre Umfeld, die kunstvolle Weberei, hat sie vermutlich besonders sensibel für den Lebensinhalt und die Kunstfertigkeit der Spinne gemacht und eine regelrechte Obsession bei ihr initiiert. Wohlmöglich hat sie sich hier auch dem Gleichnis der Weberin Arachne aus den Metamorphosen des Ovid inspirieren lassen. Doch bei der Skulptur Maman dreht sich eindeutig, wie der Name es ja auch schon verrät, alles um die Mutterschaft. Das Thema Mutterschaft spielt im Werk Louise Bourgeois eine zentrale Rolle. Die Spinne symbolisiert für die Künstlerin ihre eigene Mutter sowie auch sie selbst, als Mutter zweier Söhne. Es ist in mehrfacher Hinsicht ein zentrales Werk für sie und für das Verständnis ihrer Kunst.

Jessica Schiefer
freundin seit 2022
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