02.06.
Do 19:00
Wallraf, Stiftersaal
Ausstellungseröffnung, KunstBewusst, Vortrag

Sensation des Sehens. Die Sammlung Nekes – Vol. 1 Barock

Mit Prof. Dr. Peter W. Marx

Die bewegten Zeiten zwischen Reformation, Dreißigjährigem Krieg und Aufklärung wirkten auf die Weltsicht nicht allein im philosophischen, sondern auch in einem sehr unmittelbar künstlerisch-medialen Sinne. In der Spannung von Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie, aber auch Aberglauben und Lust am Spektakulären entfaltete sich eine neuartige visuelle Kultur, in deren Zentrum die Sensation des Sehens stand. Technische Innovationen, wie das verbesserte Linsenschleifen, ein vertieftes Verständnis für die Gesetze der Optik sowie eine opulente Bildersprache gingen ein enges Wechselverhältnis ein und befeuerten sich gegenseitig.

Von späteren ästhetischen Theorien verbannt gab es einen eigenen Namen für diese Kunst: Die Thaumaturgia, die Kunst Wunder zu machen. Die Thaumaturgia, der Aufklärung als schwärmerisches Schmuddelkind verdächtig, ist ein Ariadnefaden in die terra incognita der vielgestaltigen visuellen Kultur, die gleichermaßen der Wissenschaft wie der Kunst, der Philosophie wie der Unterhaltung diente. Angesichts der mannigfaltigen Erschütterungen felsenfest geglaubter Gewissheiten erschien das Wundern – in der Breite von Faszination bis Furcht – nun eine adäquate Grundhaltung zu sein.
Dabei vollzog sich eine bemerkenswerte Doppelbewegung: Auf der Seite erweiterte sich das Bilderrepertoire signifikant, denn die neuen Präsentationsformen erlaubten eine Zirkulation zwischen unterschiedlichen Künsten und Techniken. Die Guckkästen verbanden die Kunst der optischen Apparate mit der Druckkunst, die wiederum in gleichem Maße an der Bildenden Kunst partizipierte wie an den Bühnenkünsten. Die kategoriale Trennung von Malerei, Theater und Druckkunst verschwand im Licht einer Präsentationspraxis, die sich nicht an abstrakten Kategorien orientierte, sondern einzig auf das Staunen, Wundern, Gruseln seiner Zuschauerinnen und Zuschauer abzielte.
Zum anderen aber wurde das Sehen selbst thematisch – so ist es sicherlich richtig, sich analog zur Thaumaturgia auch eine vielschichtige ars spectandi, eine Kunst des Zuschauens, zu denken. Kein naives Gucken, sondern ein Schauen, das sich an den Apparaten übte und aus den ungewöhnlichen Perspektiven, die sie boten, Vergnügen, Schauder, Staunen ziehen konnte. Linsen, Spiegel, Licht und Dunkel führen zu einer Mobilisierung der Bilder, die das Betrachten selbst zu einem lustvollen Abenteuer werden lassen.

• Prof. Dr. Peter W. Marx ist Professor für Medien- und Theaterwissenschaft an der Universität zu Köln und Direktor der Theaterwissenschaftlichen Sammlung. Seit 2016 ist er außerdem regelmäßige für Lehraufenthalte an der Jawaharlal Nehru University in New Delhi. Neben seinen Lehraufträgen publizierte er eine Großzahl an theaterwissenschaftlichen Büchern und Aufsätzen.

Da es sich um einen Vortrag im Rahmen einer Ausstellungseröffnung handelt, ist der Eintritt für alle Besucher*innen frei!
Eine Voranmeldung ist zurzeit nicht notwendig!

Bildcredits

© Hermann & Clärchen Baus