11.06.
Di 18:00
Museum Ludwig, Kinosaal
KunstBewusst, Vortrag

Ökonomien der Abstraktion. Kunst in gesellschaftlichen Krisenzeiten

Dr. Dirk Hildebrandt

Worum geht’s?

Die Produktion, Präsentation und Rezeption von zeitgenössischer Kunst ist eingebettet in die Prozesse einer vielgestaltigen Ökonomisierung.

Während sie etwa im Rahmen internationaler Großausstellungen zu politischen Repräsentationsabsichten beiträgt, bezeugt der Handel mit ihr auf dem Kunstmarkt nicht nur eine prinzipielle Warenförmigkeit, sondern auch ihren Status als einer ›internationalen Währung‹. Darüber hinaus erscheint künstlerische Produktion als zentraler Gegenstand eines kulturellen Kapitalismus, der immer auch auf digitalen Wegen in individuelle und korporative Wertvorstellungen investiert werden kann. Kurzum: Ökonomische Strategien, Kontexte und Prozesse zerren am Eigenen und Eigentlichen der Kunst.

Aus dieser Perspektive rückt die Notwendigkeit in den Blick, das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft in grundlegend neuen Weisen zu befragen. Aus dieser Warte lenken die Ökonomien die Aufmerksamkeit auf das, was in der Kunstgeschichte der Moderne für gewöhnlich unter Abstraktion verstanden wird – nach wie vor assoziiert man damit zumeist einen genuin ästhetischen Prozess, der auf ein künstlerisches Werk zuläuft, in dem keine figurativen oder gegenständlichen Gehalte mehr erkennbar sind: seinen sichtbaren Höhepunkt findet dieser Prozess in Gestalt einer monochromen Malerei.

Aus den kunsthistorischen Verhandlungen einer derart ›sichtbaren‹ Abstraktion werden zumeist die Wegleitungen von Industrie- und Wirtschaftsgeschichte, ihre Rückwirkungen auf die räumlichen Ordnungen, Kontexte und Werke, aber auch die prekären Arbeitsverhältnisse und Aneignungsprozesse ausgeschlossen, die in vielfältigen, mithin ›unsichtbaren‹ Weisen in die moderne und zeitgenössische Kunst hineinspielen. Im Rahmen des Vortrages geht es darum, ein ganzheitlicheres Verständnis von Abstraktion zu vermitteln, dem ihre Einbettung in die politischen und sozioökonomischen Bedingtheiten krisendurchwirkter Gegenwarten entspricht: Kunst entsteht und existiert nicht an und für sich, sondern stets im Horizont der Ambivalenzen, Doppelbödigkeiten und Widersprüche, die über ihr Verhältnis zu Gesellschaft ins Spiel kommen.

Anhand von unterschiedlichen Beispielen wird es gleichwohl und nicht zuletzt um die eigenen Ökonomien der Abstraktion gehen: In welchen Weisen ist Kunst dazu imstande, ihre Nutzbarmachung zu wirtschaftlichen, politischen und repräsentativen Zwecken, wenn auch nicht zu verhindern, so doch zu ›unterbrechen‹?

 

Wer ist unser Gast?

Dirk Hildebrandt ist Wissenschaftlicher Assistent am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln. Zuvor forschte und lehrte er in Frankfurt und Zürich. Er hat in Bonn und Paris Kunstgeschichte und Philosophie studiert und ist in Basel promoviert worden. Er ist Autor von »The Extension of Art. Das Werk als Praxis nach Allan Kaprow«, Mitherausgeber von »Rethinking Postwar Europe. Artistic Production and Discourses on Art in the 1940s and 50s« (Böhlau 2019) und »Vom Wort zur Kunst. Künstlerzeugnisse vom frühen Mittelalter bis zur Gegenwart« (Edition Imorde/Reimer 2020). Er arbeitet derzeit an dem Buchprojekt »Anti-Digitalität. Kunst und Kunstgeschichte in der digitalen Gegenwart« und forscht zu den Verhältnissen von Kunst, Krise und Ökonomie.

Bildcredits

Guan Xiao, The Documentary: Geocentric Puncture, 2014, Digitalprint auf Vinyl, Wachs, bemaltes Metall, Webcam, Kamerastative, Kameraobjektive 280 x 700 cm, Tiefe: 276, Courtesy die Künstlerin; Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin; Antenna Space, Shanghai; Foto: Benoit Pailley // Porträtfoto: Dirk Hildebrandt, privat